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Familien-Expedition in den Niger, Aïr und Ténéré


Sept./Okt. 1997 - Niger
Autor: Juerg Sollberger - juerg@atw.ch

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  Intro (Bild: Adrar Chririet)

Seit 1990, dem Ausbruch der Tuareg-Rebellion wird der nördliche Teil der Republik Niger wegen der Überfallgefahr von Touristen nicht mehr bereist. Gerade dieser Teil der Sahara gilt aber als eindrücklichste und abwechslungsreichste Landschaft der grössten Wüste dieser Erde: das Gebirgsmassiv des Aïr und die Unendlichkeit und Mannigfaltigkeit der riesigen Ténéré. Die neueren politischen Entwicklungen lassen auf eine Entspannung schliessen. Nach intensiven Abklärungen wollten Jürg und Doris Sollberger mit eigenen Augen eine Lagebeurteilung vornehmen. Mit von der Partie sind Ihre Kinder im Alter von zwei bis sieben Jahren...
  Die Ankunft (Bild: Mohamed El Kontchi und Abdelah)

Beim Aussteigen aus dem vollbesetzten Airbus wirft uns die schwüle Hitze fast wieder in die Kabine zurück. Niamey hat uns wieder! Vor fast genau zehn Jahren stellte der Aufenthalt in dieser Randzonen-Stadt, zwischen westafrikanischem Regenwald, Sahel und Sahara, den Schlusspunkt unserer zweijährigen Afrikareise in der schwarzafrikanischen Zivilisation dar, bevor wir die Sahara für den Nachhauseweg durchqueren würden. Das war im Mai 1988. Und sauheiss...

Nun schnupperten wir wieder diesen unverkennbaren Duft der Ferne: schwer, rauchig - und den Schweiss. Mit sieben Reisetaschen und vier Kindern an den Händen schleppen wir uns übers Rollfeld in die Abfertigungshalle. Vor wenigen Wochen war Mohamed El Kontchi bei uns in der Schweiz noch zu Besuch, jetzt winkt er uns mit seinem verschmitzten und scheuen Lächeln hinter den Abschrankungen zu. Ach wie fror der arme Kerl bei uns in diesem miserablen Frühling und Frühsommer. Lässt er uns jetzt etwa daher diese Hitze leiden? Wir messen in den nächsten Tagen an der Sonne 65 Grad Celsius, abends um neun immer noch deren achtundzwanzig. Dann ist es jeweils Zeit, dass Mohamed eine Decke hervorkramt, weil es ihn friert...
  Unsere Begleiter (Bild: Mohamed Aoutchiki)

Mohamed El Kontchi hat für uns diese Reise organisiert und reist als Freund mit. Als Führer engagierte er seinen Vater Mohamed Aoutchiki, welcher als Mitstreiter von Mano Dayak in der Rebellion war und dadurch die Lage gut beurteilen kann und die Gegend bestens kennt. Aoutchiki ist als Tuaregvertreter in der jetzigen Regierung vertreten und wohnt logischerweise in einem der Häuser an der Rue des Ministres. Sein zweites Amt ist die Prospektion von Heuschrecken-Schwärmen. Er steht uns zusammen mit seinem bestens ausgerüsteten weissen Toyota Landcruiser HJ60 und 450 Liter Dieseltank für die nächsten 10 Tage als Guide zur Seite. Das zweite Fahrzeug, ein ebenfalls weisser HDJ80 ist im Besitze eines Cousins von El Kontchi, Abdela. Diesen heuern wir als Chauffeur an, auch wenn er in der Folge meist mir den Platz hinter dem Steuer überlassen wird. Für das leibliche Wohl ist Ali aus Agadez für die nächsten 10 Tage verantwortlich.
  Die Route (Bild: Zorika)

Wir verlassen Agadez vollgetankt für 1500 Kilometer und vollgepackt für die nächsten 10 Tage in nördliche Richtung und folgen der Asphaltstrasse Richtung Arlit. Über Talak, Ammanad, Agadou, Tesnat, Tagishinet erreichen wir im Herzen des Aï das Tal von Zorika. Oft führt uns Aoutchiki durch unbefahrene Schleichwege, manchmal hetzt er uns über üble Steinplateaus mit übersetzter Geschwindigkeit hinter Gazellen nach. Er wird dafür mit zwölf Plattfüssen nach zahlen müssen, auch wenn die Reparaturarbeiten seine beiden jungen Tuaregbegleiter jeweils ausführen müssen. Die regelmässigen langen Pausen von 11 Uhr Vormittags bis 3 Uhr Nachmittags kommen uns sehr gelegen. In der flimmernden Hitze liegen wir wie tote Fliegen am Schatten auf der Decke während dessen Ali in würdiger Ruhe und grossem Geschick aus dem durchgerüttelten Lebensmittelvorrat, welcher eingepackt in schwere Holz- und Eisenkisten aus irgend einem Wunder noch nicht überhitzt wurde, herrlich frischen gemischten Salat hinzaubert.

In Amasher treffen wir auf die uralte Pistenverbindung Djanet - Agadez und kommen langsam dem Ausgang Richtung Ténéré näher. Wir passieren Iuelen, Tesidilgt, Shifshif und Tumrudut - zum Teil sehr enge Passagen - und erblicken endgültig auf den Dünen von Temed die Unendlichkeit! Ein Ausflug zum Tin Ouafadene, ein einsamer Tafelberg mitten in dieser riesigen Sandebene, mutet an den Besuch auf einem fremden Planeten. Die Reise führt uns weiter zu den Blauen Bergen, ein Massiv, das aus blauschimmerndem Marmor besteht. Bei Chiriet halten wir uns wieder in die Nähe des Aïr und erkunden den natürlichen Landeplatz, der während der Rebellion für die Friedensverhandlungen gedient hat und das verlassene Rebellen-Nest. Über Faris und Izan gelangen wir wieder mitten in der Riesenebene der Ténéré zum Afoud, dem Knie, einem haushohen Felsen mitten in dieser Sandlandschaft. Wie findet wohl nur Aoutchiki so zielsicher diese Nadel im Heu? Wir halten nun Richtung Arakao, der Krabbenzange und beginnen die erneute Passage durchs Aïr im Oued Issaouane. Über Taghmert gelangen wir schlussendlich nach Timia und von dort über einen erneuten genialen Schleichweg durch ein absolut versandetes Oued, welches uns erneut drei Plattfüsse und mindestens den vierfachen Spritverbrauch abverlangt, die Asphaltstrasse Arlit-Agadez. Ausgerechnet kurz nach einer Strassen-Blockade wegen einer angeblichen Schiesserei bleiben wir Nachts um zehn wieder mit einem Plattfuss stecken...
  Die Plattfüsse... (Bild: Abendcamp in der Ténéré)

Tatsächlich sind die verflixten Plattfüsse unser ständiger Begleiter auf dieser Reise. Bereits auf der ersten Asphaltstrecke wechseln die beiden Junior-Targi (Mehrzahl von "Junior"-Tuareg) unter kritischer Aufsicht des alten Mohamed in noch euphorischer Eile den Plattfuss gegen eines der beiden in jedem Fahrzeug mitgeführten Ersatzräder. Mohamed junior und Abdellah sind sichtlich stolz uns bewiesen zu haben, dass ihr Equipement offensichtlich wüstentauglich komplett ist. Wir unsererseits weisen ob der gebotenen Leistung tastächlich die letzten Zweifel über die befürchtete und sonst übliche technische Unzulänglichkeit der Fahrzeuge und Ausrüstung weit von uns. In Wahrheit sind beide Fahrzeuge tatsächlich für afrikanische Verhältnisse neu; wenn auch mit weit über 100'000 Kilometern auf dem Tacho... Aber der Technik zum Trotz - mit jedem weiteren Löchlein im schwarzen Gummi weicht die Euphorie einer mühsamen Plackerei in der unbarmherzig brennenden Sonne. In schöner Regelmässigkeit weicht die Luft an den unmöglichsten Orten aus den Bälgen, ob fünf Minuten vor dem erreichen des Nachtlagers oder ein paar hundert Meter hinter der angeblichen Schiesserei auf dem Asphaltband entfernt - immer wieder Plattfuss.
  Afrikanische Improvisation (Bild: Jürg Sollberger mit gemietetem Landcruiser)

Meist montieren wir daher am Ort des Geschehens so rasch als eben möglich ein Ersatzrad um dann später bei einer Rast am Schatten den kaputten Schlauch zu reparieren. Bald ist so der Vorrat an flüssig-klebrigen Spezialleims für die Schlauchflicken aufgebraucht. Aus meinem Not-Täschlein gebe ich etwas besorgt über den frühen Bedarf bereits am dritten Tag das für Notfälle immer vorhandene Tübchen Sekundenkleber, welches seine Dienste jetzt hervorragend verrichtet. Aber die dauernde Flickerei - es sind im Laufe der Reise um die zwölf Plattfüsse - saugen auch den letzten kleinen Tropfen dieses Klebers aus. Schon kritischer schaue ich drein, als danach unsere Targi nach meinem ebenfalls vorhandenen Araldit verlangen. Aber jeder europäischen Vernunft zum Trotz halten auch mit Araldit geflickte Schläuche einige dutzend Kilometer. Das Reparieren mit diesem brüchig aushärtenden Klebstoff erweist sich auf dieser Reise etwa gleich erfolgsversprechend wie die ebenfalls angewendete "Verschnür-Technik". Bei dieser handgestrickten Notlösung wird der Schlauch an der Stelle des Loches mit Schnur um einen eingewickelten Stein abgebunden. Vive l'Afrique!
  Und zum Letzten... (Bild: Gazelle im Aïr)

Mit an den beschränkt vorhandenen Mitteln gelehnter Reparatur-Technik schaffen wir es also nach etwa 1.300 Kilometern die Asphaltstrasse mit waghalsig reparierten Reifen heil zu erreichen. Zwar verliert der eine und andere Schlauch ständig etwas Luft aber nichts so Banales trübt mehr unser tiefes Glücksgefühl: voller unbeschreiblich schöner Eindrücke, schmutzig, verschwitzt und braungebrannt, aber auch erleichtert, dass alles so harmonisch zu einem unermesslich reichen Abenteuer-Familien-Urlaub führte passieren wir abends um neun die Stelle, wo nervöses Militär uns in schwarzer Nacht vorbeiwinkt mit der Auflage uns wegen einer angeblichen Schiesserei dem dort gebildeten Konvoi anzuschliessen. - Plattfuss... Der Konvoi fährt rumpelnd mit der Militäreskorte an uns vorbei und wir stehen plötzlich alleine auf weiter Flur, ohne ein einziges noch brauchbares Ersatzrad. Einmal mehr beweisen unsere Begleiter jetzt, wie ernst und kompetent sie wirklich ihren Job als Führer wahrnehmen. Schnell werden wir in den noch fahrbaren Wagen umgepackt, überholen bald darauf den Konvoi und bereits eine Stunde später essen wir auf der Terrasse vom Hotel de l'Aïr in Agadez eine Omelette und trinken das erste kühle Bier seit langem. Mohamed junior und Abdellah müssen unterdessen an der ungemütlichen Stelle auf den Wagen aufpassen, während Mohamed senior in Agadez zu nächtlicher Stunde ein Ersatzrad auftreibt. Um Mitternacht treffen sie schliesslich doch noch erschöpft und glücklich zu uns.
  Aman Iman - Wasser ist Leben (Bild: Ali der herzlich gute Koch)

Eine ausgereifte und zuverlässige Technik moderner Fahrzeuge ermöglicht es uns in kurzer Zeit ein riesiges unwirtliches Gebiet zu bereisen. Oberster Grundsatz dabei ist die bestmögliche Bereitschaft, Reparaturen an Ort und Stelle selber beheben zu können.

Aber nur ein angepasster Lebensstil und ein sicheres Gespür für das Finden von Wasser ermöglichen hier den wenigen Nomaden, den Tieren aber auch uns Reisenden das Überleben. Wir trinken in dieser Hitze pro Person ohne weiteres sieben Liter Wasser pro Tag, die Targi deutlich weniger. Rechnet man das Wasser für das Kochen und ein wenig für die Toilette hinzu, ergibt das in unserer Gruppe einen Verbrauch von etwa 80 Liter pro Tag. Es ist also von vorneweg nicht möglich ohne unterwegs die Wasser-Reserven aufstocken zu können diese Reise in der warmen Periode zu bewältigen. Die Fahrzeuge sind in der Lage insgesamt etwas über 200 Liter Wasser zu bunkern, wir müssen also spätestens jeden dritten Tag nachfüllen können. Wie triebhaft der Durst auf den Menschen wirken kann erfahren wir jeweils, wenn sich die ganze Familie auf das rinnende Nass aus meinem seit vierzehn Jahren zuverlässig arbeitenden Katadyn Pocket Wasserfilter stürzt. Um mit 10 Litern eine Reserve an gefiltertem Wasser für unsere Familie von wenigen Stunden zu erhalten verlangt das von mir jedoch eine schweisstreibende Pumperei und zusätzliche Reinigung des Filterelementes ab.
  Der Durst (Bild: Die "Unterwegs-Küche")

Oft ist es so, dass unser gefilterter Vorrat zu ende gegangen ist und bereits alle wieder nach Wasser schreien. Der Drang nach Wasser beherrscht bereits nach nur einer Stunde des Wartens das Denken. Der Durst siegt daher einfach in den nächsten Tagen über unseren Grundsatz, das Wasser nur gefiltert zu trinken. Nachdem uns Judith, unsere Begleiterin aus der Schweiz, welche seit Tagen tapfer das braunrote kühle Wasser aus der Guerba trinkt, versichert, dass mit ihrem Magen noch absolut alles in Ordnung ist, wagen auch wir es - übrigens unbeschadet - die Brühe in uns rinnen zu lassen und ersparen uns so das schweisstreibende Filtern. Aussen an den Fahrzeugen sind ganze mit Wasser gefüllte Ziegenhäute (Guerba) angehängt. Die poröse Wandung sorgt mit der Verdunstung dafür, dass das darin gelagerte Wasser schön kühl bleibt. Das restliche Wasserlager ist in grossen Plastikkanistern im Fahrzeuginnern untergebracht.
  Die Brunnen (Bild: Der "Panetone"-Felsen)

Im Aïr finden kundige Führer die zahlreichen einfachen Ziehbrunnen problemlos. An einigen Stellen müssen die Wasserstellen aber selber im sandigen Grund gegraben werden und verfallen kurz danach wieder. Wir wandern kleinen scheinbar ausgetrockneten Flussläufen empor bis in die Felsen hinein und fangen dort an zu graben, wo die Targi es zeigen. Tatsächlich finden wir so des öftern in spätestens einem Meter Tiefe eine zuerst noch sumpfige Brühe. Diese wird sorgfältig mit einer Tasse zur Seite geschöpft. Das so nachfliessende Wasser wird durch das Sickern durch den Sand gefiltert, ist aber trotzdem noch deutlich braun und schmeckt erdig. Das Wasser, bei uns eine Selbstverständlichkeit, wird hier zum beherrschenden Thema, um ein Gut des Über-Lebens. Nur mit vollen Reserven wagen wir uns dann in das riesige Nichts hinein: die Ténéré.
  Die Ténéré ist nichts und alles zugleich (Bild: Sandviper-Spuren im Sand)

Abwechslungsreiche atemberaubende Dünenzüge gehen fliessend in unendlich flache Sandflächen über. Hunderte von Kilometern können in Geradeausfahrt im Autobahntempo zurückgelegt werden. Brunnen gibt es hier nur am Übergangsgebiet zum Aïr-Gebirges. In der Ténéré draussen zeugt nichts von einem Leben: kein Grün, keine Spuren, kein Geräusch. Unendlichkeit und Reinheit pur. Mit für uns unbeschreiblicher Genauigkeit steuert Aoutchiki in diesem riesigen Nichts zweimal auf ihm bekannte kleine einsame Felsen zu. Bereits aus über 20 Kilometer Distanz sagt er: "schau dort diesen Kieselstein, der immer grösser werden wird, dort gehen wir Schatten suchen". So erreichen wir Tin Ouafadene, ein aus schwammartigem weissen Schaumstein bestehender einsamer Koloss. Die abgefallenen Steinblöcke sind federleicht. Überall finden wir Knochen von verendeten Tieren, vorallem Zugvögeln. Unglaublich, sofort werden wir auch von bissigen kleinen Stechfliegen geplagt. Mohamed erzählt uns, dass man hier Stimmen hören könne. Es lebe hier eine Frau mit Hufen, die mit einsamen Nomaden jeweils spricht. Und ringsherum nichts als Sand.
  Einige hundert Kilometer weiter... (Bild: Doris Sollberger mit Kids)

...trifft Mohamed erneut so einen Schatten spenndenden Fels, den Afou: das Knie. Vielleicht so gross wie ein Fünffamilienhaus, aus heissem schwarzem Gestein. Ganz eng müssen wir uns an den aufgeheizten Felsen schmiegen um etwas von dem kostbaren Schatten abzukriegen. Die Kinder drehen unterdessen trotz der Hitze mit Ali eine Forschungs-Runde und finden einen Adlerkopf und einen Antilopenfuss.

Eine Woche später sind wir nach einer Insektizid-Kur im Jet der Air France wieder in der Schweiz. Schnee, Kälte, Nebel, Supermarkt, Schule, bleiche ernste Gesichter. Afrika, wir kommen wieder!

E N D E
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