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3te Neujahrsreise ins Südtunesische Sperrgebiet


21.12.1996 - 11.01.1997
Autor: Urs Spielhofer

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  Vorbereitungen

Für eine Reise ins Südtunesische Sperrgebiet braucht es (glücklicherweise) eine spezielle Genehmigung, die man beim Gouverneur in Tataouine erhält. Diese Bewilligung kann man sich direkt vor Ort beschaffen, wenn man Wartezeiten von bis zu einem vollen Tag in Kauf nehmen will.

Jüre war jedoch der Meinung, dass sich diese Warterei durch ein entsprechend salbungsvoll formuliertes Schreiben sicher etwas abgekürzen liesse, weshalb so ein Schreiben im Team verfasst und Jüre gleichzeitig zum "Monsieur le Président Directeur Général" befördert wurde. Da diese Beförderung die Reise nicht zusätzlich verteuerte, mochten wir alle ihm diese Ehre gönnen.

Da Pädu, Jüres langjähriger Teammechaniker dieses Jahr nicht mitmachen konnte, hatte Jüre mich schon Ende Sommer 96 als Teammechaniker engagiert.

Anlässlich des Vorbereitungswochenendes am 16. und 17. November 1996 wurden die Gruppen gebildet und die Reise im Groben geplant. Ebenso wurden alle Fahrzeuge etwas genauer angeschaut, was für mich als Teammechaniker ein beruhigendes Gefühl hinterliess.
  Anreise

21.12.96
Eigentlich ist es jedes Jahr etwa das gleiche: Treffpunkt morgens um acht bei der Gotthard-Raststätte in Altdorf, doch da Jüre es offenbar eilig hatte, fanden wir uns auf seine Bitte hin bereits um halb acht dort ein. Bis gegen acht waren dann praktisch alle da - bis auf Jüre, der etwa um halb neun mit chaotischer Ladung und Augenringen bis zu den Knien hinunter eintrudelte. Das hat man davon, wenn man erst am Vorabend um zehn Uhr mit Packen beginnt.

Der obligate Stau am Gotthard kostete uns etwa eine Stunde, so dass wir nur dank zügigem Durchfahren um zwei in Genua am Hafen waren.

Auch die Abfertigung im Tirrenia-Gebäude war wie gehabt - nur dass dieses Jahr das Gedränge ganz speziell intensiv war.
  Ueberfahrt

Endlich auf dem Schiff hiess es möglichst schnell die Kojen beziehen und dann ab an die Bar! Für die Mitglieder und Begleiter einer Motorradtour von Rüedu Roder bedeutete diese Ueberfahrt eine gewisse Nervenprobe, befanden sich doch ihre Fahrzeuge infolge Platzmangel auf der HABIB auf einem Frachtschiff namens LINDA. Dieses Schiff sollte insch Allah der HABIB nach Tunis folgen. Rüedu hatte es begreiflicherweise etwas mit den Nerven.

22.12.96
Die Ueberfahrt war im Gegensatz zum Vorjahr glatt wie ein Eisfeld, so dass ich mich den kulinarischen Genüssen auf der HABIB voll ergeben konnte.

Etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht lief die HABIB in Tunis ein, so dass wir gerade noch vom Zoll abgefertigt wurden, was bei aller unarabischen Effizienz angesichts der vielen Heimreisenden und Touristen bis etwa morgens um drei dauerte.

Angesichts dieser Uhrzeit machte es keinen Sinn mehr, nach Hamam-Lif ins Hotel Sun Beach Club zu fahren, so machten wir auf einer Wiese gleich neben der Hafeneinfahrt ein wildes Camp. Jüres neidische Blicke angesichts des ersten Biers das ich dort genoss, zwangen mich regelrecht, ihm auch eines anzubieten.
  Erster Einsatz

23.12.96
Schon auf der Ueberfahrt hatte Alain sich über mangelnde Motorleistung und übermässigen Verbrauch seines Ländys beklagt, so dass nach dem Frühstück bereits mein erster Einsatz als Mechaniker angesagt war. Zwei rabenschwarze nebeneinanderliegende Zündkerzen liessen zuerst das Schlimmste befürchten, doch da Oel und Wasser durchwegs sauber waren konnte dies noch eine andere Ursache als eine defekte Zylinderkopfdichtung haben. Das Hüsteln des Motors beim Hochdrehen unter Last liess auf ein Zündungsproblem schliessen, doch eine Einstellung des Unterbrecherabstandes auf den Sollwert brachte eher eine Verschlimmbesserung. Angesichts der vorrückenden Zeit fuhr Jüre mit Tom schon mal voraus, als Treffpunkt vereinbarten wir das Hotel Tamaris in Mahres. Falls wir bis abends um sechs nicht dort eintreffen würden, sollten wir uns telefonisch bei Jüre im Hotel melden.

Die unmittelbar vor der Reise in Alains Ländy noch neu eingebauten Zündkabel waren mir von Anfang an suspekt, eine genaue Kontrolle der Kabel brachte dann eine Verwechslung der beiden Kabel der Zylinder mit den rabenschwarzen Zündkerzen zutage. Nach etwas Feinschliff an Zündungseinstellung und Gasgestänge konnten wir so gegen elf zur Aufholjagd starten
  los geht's

Alains Ländy entwickelte plötzlich ungeahntes Temperament, so dass wir sehr flott vorankamen. Die Freude über die plötzliche Leistungsspritze wurde allerdings durch penetranten Benzingeruch gedämpft, Ursache waren undichte Schweissnähte an einem ebenfalls unmittelbar vor der Abreise eingebauten Zusatztank.

So gegen halb sechs trafen wir in Mahres im Hotel Tamaris ein, Jüre war gerade am Auspacken - er war erst eine Viertelstunde zuvor eingetroffen!

Das Hotel verfügt über einen wunderschönen Innenhof, durch den man zum Restaurant gelangt, in welchem wir unseren Bärenhunger stillen konnten. Auch der einheimische Rosé mundete, so dass der Abend einen würdigen Abschluss fand.

24.12.96
Die Wäschezeine (schweizerischer Ausdruck für Wäschekorb) namens Zusatztank in Alains Ländy wurde mittels Seife (vom Hotel) abgedichtet, so dass wir die heutige Tagesetappe unter die Räder nehmen konnten. (Seife verhärtet sich im Kontakt mit Benzin, so können feine Risse und kleinste Löcher abgedichtet werden.)

Alains Begleiterin Brigitte hatte sich auf erholsame und entspannende Ferien gefreut, all die Flickerei und die Unzulänglichkeiten am Auto (vor allem an der kurz vor der Reise für teures Geld investierten Zusatzausrüstung) zerrten jedoch sehr an ihren Nerven, so dass sie laut über einen Abbruch der Reise nachzudenken begann. Jüre ermunterte sie jedoch, wenigstens bis Tataouine mitzufahren, um mit etwas Abstand von all den Querelen einen Entscheid zu fällen.
  Wie Gott in Frankreich

Die Fahrt nach Tataouine verlief trotz tausenden von Peugeot 404 Pritschenwagen recht zügig, in Gabes wurden wir an einer Ampel bei der Richtungssuche sogar von einem freundlichen Polizisten durchs Rechtsabbiegeverbot gelotst. Kaum in Tataouine angekommen, verliess Jüre als Leithammel die Stadt wieder in westlicher Richtung (Richtung Chenini), wir konnten nicht ahnen weshalb. Am Ziel unserer vermeintlichen Irrfahrt standen wir im Eingangshof einer wunderschönen Bungalowanlage, die sich als Hotel SANGHO entpuppte.

Nach einer kurzen Absenz bei der Reception weihte uns Jüre in die Geheimnisse dieses Ortes ein: Ein Zimmer (sprich Bungalow) wäre zwar für etwa 30 Tunesische Dinar (TD) zu haben, doch würden im Moment die Bungalows nur an Teilnehmer der Weihnachtsgala vermietet, so dass der Preis sich auf stattliche 73 TD pro Person erhöhte. Der saubere und gepflegte Anblick der Anlage und Jüres Beschreibung der Gala liessen in uns die Neugier über den Geiz siegen, so dass wir uns kurzerhand zum Bleiben entschlossen.

Die wirklich bildschön gelegene Anlage bietet neben guter Bauqualität auch einen Tennisplatz, Minigolf und natürlich einen Swimmingpool.

Der Weg zu unserem Bungalow war dermassen verschlungen, dass er schon fast ein GPS mit Trackback-Funktion verlangte, der Hotelangestellte verdiente sich jedenfalls sein Trinkgeld auf redliche Art.

Während wir uns für den Abend frisch machten, fuhr Jüre kurz zum Gouvernement, um sich die Bewilligung zum Befahren des Sperrgebietes aushändigen zu lassen. Die Vorarbeit mittels Schreiben und Ankündigung des Ankunftstages schienen sich ausbezahlt zu haben. Jüre erzählte von Oesterreichern, die den ganzen Tag auf die Bewilligung gewartet hätten, derweil er sie innerhalb von 10 Minuten erhalten habe.

Nachdem wir uns etwas erfrischt hatten (prima Duschen) trafen wir uns zum Apéro, bevor wir uns der Gala-Diner hingaben. Je länger ich die kulinarischen Feinheiten genoss, desto mehr kam ich zum Schluss, dass in diesem Hause Schein und Sein zusammenpassten. Dieser Abend war sein Geld wirklich wert! Man kann nur hoffen, dass diese Art Tourismus (nicht bloss in Tunesien) weitere Verbreitung findet.
  25.12.1996

Der am südlichen Berghang riesengross mittels weissen Steinen gelegte Schriftzug "Hotel SANGHO" wurde in der Vollmondnacht von hunderten von Glühlampen erleuchtet, selbst Kurdirektor Illi zu Luzern wäre vor Neid erblasst. Nach ein paar Verdauungsschritten im Mondlicht legten wir uns schlafen, mehrmals wurden wir jedoch vom Pfeifen heftiger Windböen geweckt, ein geradezu heimeliges Gefühl für Menschen die keine Angst vor Naturgewalten haben.

Am anderen Morgen waren Brigitte und ich als erste auf den Beinen, ein Umstand der sich im späteren Verlauf der Reise noch öfters wiederholen sollte. Beim Herumschweifen im gepflegten Garten fiel mir eine etwa 70 cm hohe Pflanze auf, die Brigitte mir als Tagetes vorstellte. Auf meinen Einwand wegen der Grösse erklärte sie mir, dass diese Pflanzen in Mitteleuropa nur wegen des Klimas ein einziges Jahr hielten und sie hier mehrere Jahre alt würden, um zu dieser Grösse heranzuwachsen.

Durch unsere botanischen Gespräche wurden im benachbarten Bungalow Andrea und Tom aus dem süssen Schlummer gerissen. Die beiden pflegten nämlich bis in den hellen Tag hinein zu schlafen, ebenfalls ein Umstand der sich im späteren Verlauf der Reise noch öfters wiederholen sollte.

Alain und Brigitte hatten an diesem Tag genügend Zeit, sich über den weiteren Verlauf der Reise klar zu werden. Gegen den Nachmittag waren sie jedenfalls zum Schluss gekommen, weiterhin mit uns mitzureisen, was uns alle freute.
  Aufbruch

Brige (damit bezeichne ich, um Verwechslungen vorzubeugen, ab hier meine umwerfend pflegeleichte und unkomplizierte Begleiterin) und ich deckten uns auf dem Markt mit Gemüse und Lebensmitteln ein, die Anschaffung von einem halben Kilo Pfefferschoten liess Brige in helle Verzückung geraten. Somit war der Stil unserer gemeinsamen Küche schnell festgelegt.

Um vier Uhr nachmittags trafen wir uns an der Tankstelle in Tataouine, von wo wir nach etlichem Warten auf die restlichen Gruppenmitglieder zum ersten Wüstencamp aufbrachen, das Jüre, Tom und ich (natürlich mit unseren Begleiterinnen) vorher ausfindig gemacht hatten. Beim Zusammensein bekamen wir bereits die ersten Räubergeschichten der übrigen Tourmitglieder, die auf anderen Wegen angereist waren, zu hören. Von verwunschenen Seen mit Sackgassen und Hundegeheul während der Nacht und ähnlich schrecklichen Erlebnissen wurde da berichtet.

26.12.96
Der Morgen im Camp war kalt und windig, trotzdem hatte die karge Gegend bereits einen unwiderstehlichen Wüstencharme. Jan suchte unter den Steinen nach Skorpionen derweil sich einige bereits mit Abfallverbrennung befassten, was angesichts des Windes recht gut gelang.

Nachdem wir vom Camp wieder auf die Asphaltstrasse zurückgekehrt waren, nahmen wir die restlichen 60 km nach Remada unter die Räder, um den ersten Stempel in die Bewilligung und den letzten Treibstoff in unsere Tanks zu bekommen. Die Wartezeit überbrückten wir mit letzten Einkäufen und Teegenuss in Teehäusern.
  Rein ins Sperrgebiet

Nachdem wir den Stempel erhalten hatten, fuhren wir ca. 5 km retour, um dann in westlicher Richtung zum Bordj Bourghiba zu fahren. In diesem heute noch als Hochsicherheitsgefängnis genutzten Gebäudekomplex wurde der Tunesische Staatsgründer Habib Bourghiba von den Franzosen jahrelang gefangengehalten, bevor Tunesien trotzdem unabhängig wurde. Ca. 12 km weiter westlich errichteten wir ein Nachtlager im Schutz sanfter Hügel.

27.12.96
Obwohl die Piste in westlicher Richtung nach Bir Aouine eigentlich noch fast als gepflegt hätte bezeichnet werden können, gab es an Alains Gebastel made by ... (da schweigt des Schreibers Höflichkeit) etliche Schäden zu verzeichnen. Nicht bloss dass die nachträglich angeschweisste Verstärkung des Dachträgers gebrochen war und ein Loch ins Dach vibriert hatte, nein, zu allem Ueberdruss fiel den beiden bei voller Fahrt auch noch das vorn innen am Dach befestigte Ablagebrett samt Autoradio haarscharf an den Köpfen vorbei. Wer mag es den beiden da verübeln, dass sie nun endgültig die Schnauze voll hatten.

Gegen den frühen Nachmittag erreichten wir den Militärkontrollposten von Bir Aouine, den zu passieren eine reine Routinesache war, die natürlich etwas Zeit in Anspruch nahm.
  Der lange Weg nach El Borma

Nachdem wir noch ca. eine Stunde weitergefahren waren, errichteten wir unser Camp am Fuss eines Tafelberges. Da Brigitte und Alain um keinen Preis mehr weiter in die Wüste vordringen wollten, musste eine neue Reiseplanung im Team vorgenommen werden. Da der distanzmässig am ehesten zu erreichende Fixpunkt der geplanten Route bei El Borma lag, einigten wir uns darauf, bis dorthin weiterzufahren, um die beiden Pechvögel dann vom Militär aus dem Sperrgebiet heraus begleiten zu lassen. Wir waren uns einig, dass dies sicher sehr viel Verhandlungsgeschick bedingen würde. Doch da El Borma nur etwa 85 km Luftlinie entfernt lag, schien dies der beste Weg zur Lösung des Problems zu sein.

28.12.96
Da die alten IGN-Karten, die wir für dieses Gebiet aufgetrieben hatten, noch über die alte französische Gradteilung verfügten (Erdkreis mit 400 Grad, Nullmeridian durch Paris), konnten wir zwar mit GPS genau sagen, wo wir uns befanden, aber die Umsetzung auf die Karte war etwas knifflig, da der genaue Meridian in Paris nicht bekannt war.

Um diesbezüglich bei den angeschlagenen Gruppenmitgliedern keine Panik aufkommen zu lassen, entschloss ich mich zu einer anderen Navigationsmethode (Jüre hatte mich nämlich über Nacht zum Gruppennavigator befördert, da er die Truppe in 2 Teilen fahren lassen wollte). Auf einer IGN-Karte neueren Datums - mit grösserem Massstab und schlechterer Auflösung, dafür normaler Gradteilung - suchte ich mir einen markanten Geländepunkt heraus, den ich auch auf der alten Karte in gleicher Form fand. Dessen genaue Position mass ich dann aus der neuen Karte heraus und konnte nun durch Bestimmung von Winkel und Distanz mit dem GPS unsere momentane Position auf die alte Karte übertragen, wobei der maximale Fehler bei ca. 500 bis 1000 Metern lag. Irgendwie schien die Methode meinen Teamkollegen zu imponieren, sie hatten jedenfalls ihre helle Freude daran.

Weit weniger Freude bereitete das Tempo, das wir in diesem unwegsamen Gelände erreichten: für die ersten 12 km brauchten wir volle 3 Stunden, die restlichen 18 km waren dann noch in 1 ½ Stunden zu schaffen. Grund: lauter kleine Sicheldünen mit Bewuchs. Da versandete halt mal das eine oder andere Fahrzeug. Nach 30 km Fahrstrecke war es dann bereits an der Zeit, ein Lager zu errichten, die Entfernung zu El Borma hatte an diesem Tag eher noch zugenommen, da wir aufgrund der Topologie nicht näher herankamen.

Es ist verständlich, dass nicht alle Reiseteilnehmer diesen Umstand gelassen hinnahmen. Trotzdem konnten wir es uns im Camp gemütlich machen, es wurde sogar ein Lagerfeuer mit Kameldung entfacht, in welches sich trotz Abwehrversuchen unsererseits immer wieder suizidgefährdete Käfer stürzten.

Am anderen Tag, so hofften wir, sollte dann endlich ein alter Karawanenweg nach El Borma gefunden werden.

29.12.96
Obwohl es am darauffolgenden Morgen tatsächlich etwas zügiger vorwärts ging, schafften wir an diesem Tag kaum mehr Distanz, denn zum Ausgleich der etwas besser befahrbaren Steppe gerieten wir gegen Mittag in ein ausgedehntes Dünenfeld, in welchem dann Sandbleche und Schaufeln amortisiert werden konnten. Auch mein Ländy konnte an einer Stelle nur noch mittels Schaufel und Sandblechen zur Weiterfahrt ermuntert werden, Brige hatte ihre helle Freude daran (sie hatte ihn schliesslich auch selber versenkt!).
  Kehrtwende

Als wir gegen Abend unser Camp errichteten, betrug die Luftlinie zu El Borma immer noch ca. 55 km. In der Nacht sah man sogar den Lichterschein der Oelförderanlagen am westlichen Horizont, doch der direkte Weg dorthin schien geradezu unpassierbar.

Da El Borma also nah aber unerreichbar schien, änderten wir unseren Plan grundlegend und fassten folgenden Entschluss: aus diesem unwegsamen Gebiet heraus wollten wir in östlicher Richtung fahren, um über die Pipelinepisten möglichst schnell nach Bir Zar zu gelangen wo wir dann vielleicht Brigitte und Alain vom Militär begleitet aus der Sperrzone rausfahren lassen konnten. Jüre überlegte sich schon, wie lange wohl die Verhandlungen mit den Militärs dauern würden, bis unsere Bewilligung mit zwei Personen und einem Fahrzeug weniger wieder gültig sei.

Im Camp musste Jüre feststellen, wie wenig doch diese Duschwassersäcke (die er selber verkauft) taugen, wenn man sie vorn an die Stossstange bindet. Beim Manövrieren in der Nähe eines Gebüsches wurde besagter Ausrüstungsgegenstand aufgeschlitzt, Jüre hatte daraufhin eine leichte Nervenkrise, die sich erst mit einer Dose Bier auf einer Düne wieder legte.

An einem jener Abende entschlossen wir uns, ein Fondue in die Pfanne zu hauen. Auch Andrea und Tom schlossen sich diesem Vorhaben an, die beiden hatten etwa drei Abende zuvor schon ein Fondue gemacht. Da die Reihe also an uns war, liess ich meiner Kreativität freien Lauf.

Man nehme: Champignons aus der Dose, Zwiebeln fein gehackt, Knoblauch, Gewürze und natürlich unsere berüchtigten Pfefferschoten. Das ganze vermengt man mit ganz kommunem Gerber-Fondue. Aus einem Brige und mir nicht nachvollziehbaren Grund mochten sowohl Andrea als auch Tom nicht so recht dreinlangen. So ging denn diese Rezeptur als "Fondue infernal" in die kulinarische Geschichte ein.

30.12.96
Vom Camp weg konnten wir recht guten Spuren folgen, so dass wir im Vergleich zu den beiden vergangenen Tagen ungeheuer schnell vorankamen.

Die Routenbeschreibung im Reiseführer ist an dieser Stelle recht ungenau um nicht zu sagen falsch, so fuhren wir eine Zeit lang im Ungewissen, ob das denn auch die richtige Route sei, bis wir dann einen Punkt erreichten, den wir wieder identifizieren konnten. Das Fahren auf diesen Oelbohrversorgungspisten ist das reinste Vergnügen, 100 km/h sind absolut risikolos zu fahren, die Trassees sind so eben, als wären sie gebügelt!

Da ich sinngemäss immer mit der Frühaufstehertruppe unterwegs war, konnten wir eine gediegene Mittagspause einschalten, bevor Jüre mit dem verschlafenen Rest eintrudelte.
  Abschied

Eine halbe Stunde später erreichten wir Bir Zar, wo Jüre den Militärpolizisten erklärte, dass Brigitte leicht erkrankt sei (was durchaus zutraf) und deshalb das Sperrgebiet verlassen wolle. Sofort fragten die Leute, ob man vielleicht ein Rettungsflugzeug herbeirufen müsse, doch Jüre konnte sie beruhigen, dass es nun auch wieder nicht so schlimm sei. Die Militärpolizisten erklärten daraufhin Alain sehr genau den Weg, den er zu fahren hätte und dass er absolut risikolos allein nach Remada fahren könne, die anliegenden Posten würden informiert. So mussten wir uns fast in aller Eile von den beiden verabschieden, bevor wir ca. eine Viertelstunde später im Besitz einer offiziell korrigierten Bewilligung für den Rest der Reise waren. Wir hatten uns ja einiges erhofft, aber diese rasche und unbürokratische Hilfsbereitschaft sprengte alle Erwartungen. Allah schütze die Tunesische Armee!
  Ab in den Süden

Da wir nun statt im Westen jetzt im Osten waren, krempelten wir kurzerhand unsere Pläne um. Ab nach Süden, um dort in eine Dünentour einzusteigen, die Jüre aus einer Publikation kannte. Der Weg dorthin liess uns schnell spüren, dass im Süden wohl kein Oel mehr gefördert wurde, denn die Piste glich ab und zu mehr einem Bachbett als einer Strasse. Trotz konzentrierter Fahrweise entstand gelegentlich etwas Unordnung in der Küchenkiste.

So gegen drei Uhr nachmittags passierten wir den Kontrollposten in Tiaret, der gleich neben einer Oelpumpstation liegt (es wird im Süden zwar kein Oel gefördert, jedoch existiert eine Transitpipeline, die von Algerien her kommt). Dort machten wir Bekanntschaft mit dem Chef dieser Pumpstation, ein sehr interessiert wirkender Mann, der auch das Autorenpaar unseres Reiseführers (Ursula und Wolfgang Eckert) kannte. Wir unterhielten uns kurz mit ihm, er erwähnte auch, dass es ca. 11 km weiter südlich ein bildschönes Plätzchen zum Uebernachten hätte.

Danach verabschiedeten wir uns von ihm und den Soldaten, um besagtes Plätzchen aufzusuchen. Und in der Tat: eine riesengrosse Düne lief nach Westen abrupt in der Ebene aus, an ihrem Rand wuchsen zwei Palmen und etwas Gebüsch, ein Anblick wie im Märchen!

Jüre, Tom und ich stellten unsere Autos mit etwas Schwung auf eine kleine sandige Anhöhe, derweil der Rest der Gruppe sich in der Ebene einer kreisförmigen Fahrspur entlang aufstellte. Originalton von Tom: "Die suchen wohl die zentrale Parkuhr!"

Wer die Plackerei des Dünenaufstiegs auf sich nahm (2 Schritte vor, 1,9 Schritte zurückrutschen), wurde durch wundervolle Dünenstrukturen und einen ergreifenden Sonnenuntergang entschädigt.

Jüres jüngster Spross Cedric, von allen bloss "Lüüsu" genannt, entwickelte im Sand eine ganz eigenwillige Fortbewegungsart, die ihm sichtlich Spass bereitete: "tap-tap-tap-bonk!- tap-tap-tap-bonk!- tap-tap-tap-bonk!" Zum Abschluss des Tages entdeckte Jan noch einen Skorpion, der von allen bewundert wurde.

31.12.96
Silvester und weit und breit kein Stress in Sicht! Das war mein Gefühl an diesem Wunderschönen Morgen. Angesichts der herrlichen Umgebung waren Brige und ich extra etwas früher aus den Hohlfasern gekrochen - unsere Schlafsäcke haben nämlich keine Federn - um den Morgen auf der Düne geniessen zu können.

Heute wollten wir die schon mal erwähnte Dünentour bei Ain Skouna in Angriff nehmen, um den Korken zum Neujahrsbeginn in die Dünen zu knallen. Ain Skouna bedeutet übrigens warme Quelle, gleich neben dem Kontrollposten sollte sich ein Brunnen mit warmem Wasser befinden, bei dem man sich auch duschen könne. So hatte es am Vorabend jedenfalls der Chef der Pumpstation in Tiaret erklärt.

Also fuhren wir unbeschwert die teils knochenharte Piste nach Süden, wo wir ca. 1 ½ Stunden später am Kontrollposten eintrafen. Die Kontrolle samt Registration ging sehr schnell vonstatten, so dass wir uns bald einer erfrischenden Dusche hingeben konnten.

Dieselbe genossen wir ausgiebig, entweder im Schutz einer schnell gespannten Plane oder direkt im spritzenden Strahl des Brunnens. Dermassen erfrischt kleidete ich mich neu ein, um gemütlich der Silvesterparty entgegen zu fahren. Doch wie habe ich bis jetzt in jedem meiner Reiseberichte früher oder später mal festgestellt:
  Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

Isi fragte eigentlich ganz harmlos: "He Urs, komm schau mal." Das artete in Arbeit aus! Ein kleines Risschen im Chassis seines Nissan entpuppte sich beim näheren Hinschauen als veritabler Riss, der den linken Längsholm schon mehr als zur Hälfte umfasste. Unten klaffte eine Lücke von ca. 5 mm. Der Längsholm, aus 2 verschweissten U-Profilen bestehend, war auf der einen Seite dieser Stelle stumpf verschweisst, diese Schweissnaht hatte sich geöffnet und war Ausgangspunkt des Chassisrisses. Ein Blick unter die rechte Fahrzeugseite liess die Stimmung auch nicht mehr steigen, auch hier zeigte sich schon der Ansatz eines Risses.

In diesem Moment kamen die Soldaten des Kontrollpostens zu uns und erkundigten sich nach unserem Wohlergehen. Jüre schilderte ihnen kurz unser Problem und fragte, ob auf diesem Posten eine Schweissanlage verfügbar sei. Das war jedoch nicht der Fall, dafür erhielten wir die Auskunft, dass in Tiaret in der Oelpumpstation eine Schweissanlage vorhanden sei, der Chef dort sei ein sehr guter Schweisser! Da die Sache ein sofortiges Handeln erforderte, entschlossen wir uns kurzerhand, Isis Campinghäuschen hier abzuladen, um nach Tiaret zu fahren. Der Offizier des Kontrollpostens würde schon mal seine Kollegen in Tiaret informieren, derweil Brige und Regula sich in anderen Autos Mitfahrgelegenheiten suchten, damit ich im Notfall Isi mit mir zum Camp mitnehmen könnte. Jüre schilderte kurz den Weg zum Camp und wie er ihn markieren wollte.
  Allah gebe, dass es klebe!

Nach dem Ablad von Isis Häuschen machten wir uns auf den Weg. Nach gut einer Stunde Fahrzeit waren wir so gegen vier Uhr am Kontrollposten in Tiaret, wo uns die Soldaten sofort den Weg in die Pumpstation erklärten. Dort angekommen suchten wir den Chef, der unseretwegen extra aus der Siesta geweckt wurde. Nichtsdestotrotz machte er sich unverzüglich daran, den Schaden zu besichtigen und mit der Arbeit zu beginnen. Seine Mittel waren natürlich begrenzt, zur Verstärkung der geschwächten Stelle musste kurzerhand ein Stück U-Profil dranglauben, das zwecks Anpassung erst mit dem Vorschlaghammer bearbeitet werden musste. Zum Schweissen stellte Isi sein Auto - unter anderem auch der Leibesfülle des Chefs wegen - auf die Reparaturgrube. Den Riss auf der rechten Seite wollte der gute Mann jedoch um keinen Preis schweissen, aus verständlichem Grund, war doch der Benzintank gleich daneben angebracht. Mit einem Stück Blech als Schild und einer Portion Allah-Vertrauen übernahm ich diesen Part.

Nachdem die Schweisserei beendet war, konnten wir uns an der betriebseigenen Tankstelle gleich noch die Benzinvorräte ergänzen. Auf die Frage, was das ganze denn koste, nannte der hilfsbereite Mann uns den Preis des Benzins (dessen Abgabe werde nämlich erfasst), für die Arbeit wollte er unter keinen Umständen auch nur ein Millime annehmen. Also wechselten halt ein paar Schweizer Schokoladen und ein paar Pakete Zigaretten den Besitzer. Das nahm er hingegen freudig in Empfang.
  Hilfsbereitschaft pur!

Etwa um halb sechs starteten wir zur Rückkehr nach Ain Skouna, das Befahren der holprigen Piste, das schon bei Tag volle Konzentration erfordert, war bei einbrechender Dunkelheit eine echte Anstrengung.

Nach ca. ¾ der Wegstrecke - es herrschte mittlerweile fast totale Dunkelheit - kam uns ein Fahrzeug entgegen. Die Soldaten von Ain Skouna waren extra losgefahren, um sich nach unserem Verbleib zu erkundigen! Wir konnten ihnen versichern, dass alles in Ordnung sei und dass wir nun beim Kontrollposten das Häuschen wieder auf Isis Nissan montieren wollten. Dort angekommen warteten bereits einige Soldaten sowie der Offizier auf uns, um uns bei der Montage zu helfen.

Der Offizier stammte aus Hamamet und fand das Leben im Sperrgebiet fast schon wie im Gefängnis - immerhin hatte er Maturaabschluss vorzuweisen (in der tunesischen Armee Voraussetzung für Offiziere, wie er mir berichtete) und war sich das Leben in einer Stadt mit der grössten Disco Afrikas gewohnt. Ich hatte fast den Eindruck, dass er und seine Leute solche Momente, in denen sie Reisenden helfen konnten, als grosse Abwechslung genossen. Diesen Menschen sei hier ein grosses Schukran ausgesprochen!

Das Häuschen war rasch montiert, bevor wir uns verabschiedeten, erklärte der Offizier uns noch einmal den Weg ins Silvestercamp, und als wiederum etliche Schokoladen und Zigarettenpackungen an die Helfer verteilt waren, fuhren Isi und ich los.
  Nächtlicher Dünenritt

Etwa 5 km südlich von Ain Skouna lag am rechten Pistenrand das ausgebrannte Wrack eines älteren Toyota Land-Cruiser Pick Ups. Dies war der Einstieg zu unserer Dünentour. Ich war heilfroh, schon einige Praxis im Dünenfahren aufzuweisen, bei Dunkelheit könnte dies sonst ins Auge gehen. Die von Jüre ausgesteckten OL-Fahnen sammelte ich kurzerhand aus dem fahrenden Auto ein, ich musste bloss zweimal anhalten. Schon bald sah ich am Horizont das gelbe Drehlicht, das Jüre extra für spezielle Momente mitgenommen hatte, von diesem Zeitpunkt an hatten wir noch fast 10 km zu fahren! Bei Nacht oder Dämmerung wirklich eine geniale Orientierungshilfe.

Im Lager angekommen wurden wir fast euphorisch empfangen, Jüre war erleichtert, dass das Ganze so reibungslos geklappt hatte.
  The party goes on

Der Rest der Gruppe hatte in der Zwischenzeit auch nicht geschlafen, ich konnte mich fast direkt an den gedeckten Tisch setzen. Doris hatte ein köstliches Sylvestermenu hingezaubert, ich fühlte mich wie im Schlaraffenland.

Kurze Zeit später kamen aus der Dunkelheit ein paar Soldaten vom Kontrollposten herangefahren, um sich nach unserer Rückkehr zur Gruppe zu erkundigen. Als sie sich davon überzeugt hatten, verabschiedeten sie sich wieder.

Ich hatte anfänglich etwas Mühe, von der vielen anstrengenden Fahrerei direkt in die ausgelassene Feststimmung hineinzutauchen, doch nach ein paar Tropfen Rotwein fühlte ich mich bald wieder mitten im Geschehen.

Als die Ersten schon langsam müde wurden, erwachte ich erst so recht aus der Anstrengung des Tages, so dass ich fast bis zu guter Letzt am Lagerfeuer ausharrte. Es wurde viel geblödelt und auch gesungen. Jüre hatte seine helle Freude an uns, besonders Ueli der Sänger und Chänu-Dänu prägten die Show (I'm scatman!). Mit einer gesunden Müdigkeit krochen wir schliesslich in die Schlafsäcke.

01.01.97
Am anderen Morgen erlebte Jüre mich in seinem ganzen Leben zum ersten Mal ohne day-after Syndrom am Neujahrsmorgen! Ich bin bis heute nicht ganz sicher, ob er sich der Tragweite und Einmaligkeit dieses Vorgangs je bewusst wurde.
  Die Ersten werden die Letzten sein!

Wie fast seit Beginn unserer gemeinsamen Tour übernahm ich wieder die Frühaufstehertruppe (etwas was mir im Alltag nie passieren würde), derweil Jüre und die Hinterbliebenen noch weiterschliefen. Da die Leute in meiner Gruppe eher zu den hemdsärmeligen Naturen gehören, fuhren wir natürlich nicht einfach um die Dünenzüge herum. Nein! Wir wollten diese überqueren. Das schafften wir natürlich auch, aber ich hatte wohl doch zuwenig daran gedacht, dass nicht alle die gleiche Erfahrung im Sand hatten wie ich. Derweil ich noch auf scheinbar gutem Wege schaute, in welche Richtung wohl am besten zu fahren sei, war schon kein Nachfolger mehr im Spiegel zu erblicken. Der war nämlich bei der ersten Dünenauffahrt stecken geblieben. So schaufelten wir uns durch die Dünen, was allen sichtlich Spass bereitete. Die ersten Steilabfahrten waren für einige ein recht kribbliges Erlebnis. Es ist schon beeindruckend, wenn man erst über der Motorhaube (oder gar dem Reserverad auf der Haube) nur den blauen Himmel sieht, und einen Augenblick später fast wie im freien Fall nach unten fährt.

Es versteht sich fast von selbst, dass Jüre mit dem Rest der Truppe gegen Abend vor uns am vereinbarten Treffpunkt angelangt war. Deshalb liess er sich dann auch zum Ausspruch hinreissen: "Was ihr früh aufsteht, mögen wir noch lange fahren!"

Na ja, ich mochte es ihm ja gönnen, mit der Familientour schneller um die Dünen herum gefahren zu sein, dafür hatte meine Truppe allen Grund, am Abend ein Bierchen mehr zu genehmigen (schaufeln macht Durst!).

02.01.97
Auch an diesem Tag hiess es wieder: "Easy riding!" Einen Steinwurf vor Bordj el Khadra hatte Isi einen Plattfuss zu beklagen, der Reifen war futsch, doch er hatte ja als Reserverad noch die im Vorjahr in Libyen erworbenen Marshal-Reifen dabei, totale "Holzrugeli", aber sehr solide.
  Bordj el Khadra

In Bordj el Khadra erledigten wir innert kurzer Zeit den Papierkram mit dem Kontrollposten, der unmittelbar neben einem idyllischen See liegt. Das in der Nähe liegende Restaurant war zwar geschlossen, trotzdem erhielten wir eine kleine Erfrischung mit Snack. Da lernten wir auch noch Ruth, Peter und Nicolas in einem MAN-Action-Mobil (mit Luzerner Nummernschildern!) sowie Sandra, Markus und Dodo in einem Unimog kennen. Markus war als freischaffender Kameramann des Schweizer Fernsehens unterwegs, er war gerade mit einer Reportage über die zunehmende Verwüstung der Oasen um Douz beschäftigt.

Da wir so schnell zum südlichsten Punkt unserer geplanten Tour gelangt waren (man bedenke, dass Ghadames in bloss ca. 15 km Entfernung lag), entschlossen wir uns kurzerhand, die gleiche Tour in umgekehrter Richtung nochmals zu fahren. Die beiden Familien mit ihren Poids-lourds schlossen sich uns gerne an.

So fuhren wir nach unserem Tee wieder aus Bordj el Khadra heraus, um uns in den Dünen (möglichst nicht auf der algerischen Seite!) ein gemütliches Lagerplätzchen zu suchen. Dank Jüres Spürsinn fanden wir dieses auch bald, so dass wir uns wieder dem Campleben hingeben konnten.
  Keine Spur von Langeweile

03.01.97
Heute war der Tag des Einsandens, was nicht etwa daran lag, dass wir besonders verrückte Routen gefahren wären. Beim gemütlichen Dahinfahren in der Ebene blieb Ueli plötzlich im einzigen Sandloch in 3 km Umkreis stecken. Er habe halt gerade ein Comella getrunken und nicht auf die Piste geschaut. Seither ist er bei Insidern unter dem Namen Comella-Ueli bekannt.

Einen Dünenzug umrundete mein Teil der Gruppe und just da sahen wir auf einer Düne die Hinterachse von Chänu-Dänus L-200 in der Luft hängen. Hatte da wirklich die Familientour mal eine Düne queren wollen? Als wir die Dünen umrundet hatten, sahen wir Jüres Truppe vereint an einem Platz stehen und oben auf der Düne hing Dänus Vorderachse ebenfalls in der Luft. Am Abend hörten wir dann, dass die Gruppe weit über eine Stunde an jenem Ort verbracht hätte.

Nachdem ich erst einen Monat zuvor infolge thermischer Probleme bei meinem Ländy eine neue Visco-Kupplung für den Kühlerlüfter eingebaut hatte, hatte ich heute wiederum das Gefühl gehabt, dass dieses Bauteil der Hitze im Sand nicht gerade souverän gewachsen sei. Der bei Kälte sonst eher aggressive Ton des Ventilators machte in der Hitze einem kaum vernehmbaren Säuseln Platz.

04.01.97
Am anderen Morgen wurde das Chassis an Isis Nissan wieder mal etwas gründlicher inspiziert. Die mittels U-Profil geflickte linke Seite hielt, doch rechts (beim Benzintank) schien sich der Riss wieder zu verlängern. Um den Riss zu stoppen bedurfte es einer Bohrmaschine, die ich natürlich nicht dabei hatte. Peter brachte mir eine solche aus seinem Action-Mobil, so dass der Riss ganz professionell mittels Loch am Ende zum Stoppen gebracht werden konnte.

Bei einem routinemässigen Blick unter die Haube meines Ländys musste ich zu meinem Erstaunen den Verlust eines Ventilatorflügels beklagen. Trotz mässigem Biss in der Hitze hatte der Ventilator wohl zu hohe Drehzahlen erwischt, oder es war irgend ein Ast während der Fahrt in den Propeller geraten. Da sich die Vibrationen aber in sehr bescheidenem Rahmen hielten, mass ich dem Verlust nicht allzu grosse Bedeutung bei.

Am späteren Vormittag waren wir bereits wieder beim Routeneinstieg beim Toyota-Wrack angelangt. Da die grossen Brummer ja über Druckluftanlagen verfügten, dachte ich nicht im Traum daran, meine Reifen mittels Handpumpe wieder auf Pistendruck zu bringen. Dies ging viel eleganter mit dem Reifenfüller des Action-Mobils (ja ja, auch ein Reise-Fundi wie ich wird ab und zu mal zum Schmarotzer).
  Zurück in den Norden (die Wege trennen sich)

Im Bild: Beno und Sonja mit 6x6 Pinzgauer

In Ain Skouna wurde erst mal wieder ergiebig geduscht, danach wurde Isis Chassis mittels Holz bandagiert. Isi und Regula trennten sich nun von uns, um ganz gemütlich (zusammen mit Monika und Käru) nach Gabes in eine Carosseriewerkstatt zu fahren. Auch diese Extratour war mit den Leuten in Ain Skouna ohne bürokratischen Aufwand rasch organisiert. Wer Tunesien nur vom Norden her kennt, kann fast nicht glauben, dass soviel Uneigennützigkeit in diesem Land möglich ist. Die Sache mit Allah und dem Ueberflüssigen (siehe Leitsatz) scheint etwas an sich zu haben.

Hier teilte sich die Reisegruppe, die einen wollten möglichst rasch nach Ksar Ghilane hochfahren, Jüre's, Tom's, Brige und ich nahmen es etwas gelassener. Ca. 5 km vor Bir Zar bogen wir in westlicher Richtung ab (von wo wir schon angereist waren) um noch etwa knapp 50 km zu fahren. dann hielt ich an, Jüre verstand den Wink und wir erreichten einen Ort, der so schön war, dass ich mich fast schon wie auf dem Olymp fühlte: ein Ort für Götter! Die Stimmung in den Dünen an diesem Berg war dermassen einmalig, dass sie nicht in Worten erklärt werden kann. Es stimmte einfach alles: die Menschen, die Landschaft, das Licht. Die Kinder spielten ausgelassen, derweil ich eine ausgedehnte Fototour unternahm und Brige ausgiebig meditierte.
  Abschied vom Sperrgebiet

Im Bild: Roland Und Monika mit Toyota Landcruiser

05.01.97
Bei der Kreuzung, wo sich unsere Piste nach Kamour mit jener nach Bir Aouine kreuzt, hielten Tom und Andrea an. Die beiden bestaunten einen Skorpion, den sie zufällig unter einem Stein entdeckt hatten. Mit dem Makroobjektiv machte ich ein paar Bilder von diesem Tier, danach fotografierte ich genüsslich den Menschenauflauf, der sich um das zarte Geschöpf herum in der Zwischenzeit gebildet hatte. Das arme Tier muss ob diesem Gerummel in der gleissenden Sonne den Schock seines Lebens erlitten haben.

In Kamour waren wir bereits an der Grenze des Sperrgebietes angelangt, die "Ausreiseformalitäten" waren trotz aufgesplitterter Gruppe (einige waren schon nach Ksar Ghilane vorausgefahren) problemlos und speditiv erledigt. Den Weg nach Ksar Ghilane zu finden war keine besondere Schwierigkeit, es tauchten auch schon bald wieder die ersten Wegweiser auf.

Dort angekommen stürzten wir uns als erstes in die Badehose, um im See ein ausgiebiges Bad zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit liess ich es mir nicht nehmen, mitten im See genüsslich ein Bier zu trinken. Sollbergers Nachwuchs beanspruchte mich dermassen im Wasser, dass ich nach einer knappen Stunde todmüde aus dem See stieg. Von wegen erfrischendes kleines Bad!?!

Nachdem wir uns im Campingplatz installiert hatten, fanden wir uns zum gemeinsamen Diner im Restaurant ein. Das "Corporate Design" dieses Lokals bestand aus den Farben Gelb und Grün. Sowohl Teller wie Becher als auch die Lavabos in der Toilette waren zur einen Hälfte gelb, zur anderen grün. Zur Vorspeise wurde uns eine Art Tomatensuppe serviert, die von den meisten der Anwesenden als scharf empfunden wurde. Brige und ich kamen aber eher zum Schluss, dass wir seit 10 Tagen nie mehr so fade gegessen hätten. Irgend ein Hinterbänkler murmelte noch was von "Plagöri", doch diejenigen, die an unserem "Fondue infernal" teilhaben durften, wiesen alle Unkenrufe in die Schranken.

Am Feuer im Innenhof trafen wir nach dem Essen noch einen alten Bekannten: einer der Führer, die uns zwei Jahre zuvor von Douz nach Ksar Ghilane geführt hatten, sass am Feuer und hatte seine helle Freude, Jüre wieder zu sehen. So liess es sich auch nicht vermeiden, dass ich wieder mal Mani Matters "Sidi Abdel Assar vo El Hamma" unter tunesischem Sternenhimmel zum Besten geben durfte.
  Das Tor zur Sahara

Im Bild: Ueli mit Opel Campo

06.01.97
Brige ist ja eigentlich eine sehr tolerante Natur. Doch an diesem Morgen wurde ihre Geduld eindeutig überstrapaziert. Da trällerte doch Ueli der Sänger tatsächlich schon bevor wir aufgestanden waren auf dem Campingplatz in voller Tenorlautstärke die Top-Ten's aus den Twenties. Ich glaube, wenn nicht der Reissverschluss von Briges Schlafsack geklemmt hätte, wäre Ueli an diesem Morgen standrechtlich erwürgt worden.

Ursprünglich hatte ich ja vorgehabt, am Ende unserer gemeinsamen Dünentour ganz gemütlich über Matmata in den Norden zurückzufahren. Doch Jüres Bitten und vor allem Doris' Augenaufschlag liessen mich meine Pläne ändern, insbesondere da Brige keine grosse Lust verspürte, ins eher kalte Bergland hinaufzufahren. So würden wir denn am späteren Vormittag von Ksar Ghilane nach Douz fahren.

Tom und Andrea waren mit den "Poids lourds" (Action-Mobil und Unimog) schon um halb zehn mit dem gleichen Ziel losgefahren (die beiden mussten also in aller Herrgottsfrühe, das heisst um acht Uhr aufstehen).

Zwei Jahre zuvor hatten wir die gleiche Strecke in drei Tagen durchgeschaufelt! Jüre beruhigte mich, dass es eine viel einfachere Route - eine Piste - nach Douz gebe, die problemlos in einem halben Tag zu fahren sei. Er wisse bloss nicht, wo diese Piste eigentlich verlaufe. Zuerst schauten wir also in unseren alten IGN-Karten nach und lasen uns eine Route heraus. Dann besann sich Jüre seiner Bekannten und fragte einen der Führer, der uns dann einen etwas anders verlaufenden Weg erklärte. Also planten wir die Route um, worauf noch ganz gemütlich ein Bad und ein Bier genommen wurden.

So gegen halb eins fuhren wir los, erst Richtung Ksar und dann eher westlich haltend, immer der Beschreibung des Führers nach. Trotz einiger Sandpassagen, die gut vorgespurt waren und ein paar Pistenkreuzungen, die etwas Verwirrung stifteten, kamen wir zügig unserem Ziel näher, so dass wir uns sogar eine ausgiebige Esspause in der Nähe eines schneeweissen Ksars gönnten.

Jüre witzelte etwas in der Richtung, wonach wir sicher noch vor Tom und seiner Truppe in Douz ankämen, worauf ich euphorisch nachdoppelte, wir seien dann bestimmt schon beim Abendessen, wenn sie endlich einträfen. Wir liessen uns trotzdem nicht hetzen und stoppten beim Vorbeimarsch einer Kamelherde, um mit dem Kamelhirten einen kurzen Schwatz zu halten.

Nach einer Weile tauchte wie aus dem Nichts ein Café auf, von wo aus eine recht zügig zu befahrende Piste zuerst nach El Hsay und dann die Asphaltstrasse nach Douz führte. Dass ich in Douz gleich auf Anhieb den Weg zum Campingplatz "Desert Club" fand, stimmte mich heiter, zumal dort von Toms Truppe noch niemand zu sehen war.

Als sie auch beim Nachtessen nicht erschienen, mutmassten wir, dass sie wohl in eines der Hotels gefahren seien. Jüre gab nochmals sein diesjähriges Reisemotto zum Besten: "Was die früh aufstehen, mögen wir noch lange fahren!"

07.01.97
Am Morgen nach dem Essen trafen wir im Bazar unsere vermissten Mitreisenden, die von wilden Schaufelorgien und einer Ankunftszeit von halb acht berichteten. Da sassen Jüre und ich also schon fast beim Grappa. Nach einem kleinen Marktbummel brachen Sollbergers und wir zu einer Tour in ein Sandrosenfeld auf, das wir schon zwei Jahre zuvor besucht hatten.
  Rosen mitten in der Wüste

Im Bild: Urs und Brigitte mit "Liseli", Landrover 109

Dieses lag etwa 60 km Luftlinie südlich von Douz, so dass wir gegen Mittag dorthin aufbrachen. Zwischen Douz und El Faouar kam immer stärkerer Wind auf, der auch beträchtliche Mengen Sand verfrachtete. Obwohl ich alle Fenster und Klappen geschlossen hielt, bildete sich trotzdem auf meinem Zündschlüssel eine kleine Düne!

Kurz nach der Ortschaft El Faouar bogen wir in eine recht gut ausgeprägte Piste ein. Diese war streckenweise durch starke Weichsandpassagen geprägt, wir blieben jedoch nie stecken. Nach etwa 20 Kilometern begann die Piste immer mehr vom angestrebten Ziel abzudriften, obwohl wir nie eine entsprechende Abzweigung passiert hätten. Quer durch die Dünen zum Ziel zu gelangen schien geradezu unmöglich zu sein, Dünenzüge, die aus lauter kleinen Sicheldünen bestanden, versperrten den Weg.

So fuhren wir weiter in der Hoffnung, weiter südlich einen Durchgang zu finden. Statt auf die gesuchten Sandrosen trafen wir dabei auf eine Gruppe mit Lastwagen und Mitsubishi-Bus, wovon der Bus hoffnungslos eingesandet war. Die Gruppe entpuppte sich als ungarisches Geologenteam, das mit der Prospektion alter stillgelegter Oelfelder beschäftigt war. Nachdem wir ziemlich mühelos an ihnen vorbeifahren konnten, halfen wir ihnen mit Schaufeln, Sandblechen und Bergegurten aus. Die armen Kerle verfügten bloss über zwei Kiesschaufeln und ein paar Holzbretter. Da holt man für teures Geld Spezialisten ins Land, aber im Sand zu fahren bringt ihnen keiner bei. Zu allem Uebel hatten sie auch noch die Reifen auf 4 bar gepumpt!

Als Dank für die Bergung beschrieben uns die ungarischen Oelprinzen einen Ort, wo wir Sandrosen fänden. Bevor wir dahin aufbrachen, machten wir allerdings erst mal eine gediegene Pause im Schutze einer kleinen Oase, die Jüre noch von einer früheren Reise her kannte.
  Reiche Ernte

Im Bild: Remo und Marisa mit Landrover 110 (Clak-Clak-Mobil)

Nach gediegener Tafelrunde brachen wir zu besagter Stelle auf, wo wir tatsächlich auf Sandrosen in Hülle und Fülle stiessen. Wir stöberten erst etwas herum, bevor wir uns die schönsten Stücke aussuchten, um sie reisefertig einzupacken. Erst machte Jüre bloss einen Scherz, als er mich bat, ihm beim Verlad eines metergrossen Stücks behilflich zu sein, doch als er sah, dass Brige kurzerhand ihre Kleiderkiste zum Sandkasten umfunktionierte, landete das Ding schliesslich unter Bandscheibenschmerzen in seiner riesigen Zarges-Kiste.

Mit Scheinwerfern im Himmel und Auspuffrohr am Boden brachen wir so zum Rückweg auf, zumal die Sonne schon bedrohlich nahe dem Horizont stand. In dunkler Nacht bei Scheinwerferlicht fanden wir schliesslich durch die Schrebergärten von El Faouar den Weg zurück zur Asphaltstrasse, wo ich zuerst noch in der falschen Richtung weiterfuhr, weil ich glaubte erst auf einer Nebenstrasse zu fahren. Präsident Ben Ali's Konterfei an Strassenrand - ich hatte es mir am Mittag bei der Hinfahrt eingeprägt - wies mich dann allerdings bald in die richtige Richtung. Herzlichen Dank, Herr Präsident!

Nach dem Abendessen im Camp sassen wir alle noch ein wenig zusammen, tranken von Jüres Glenfiddich und dabei musste ich von meinem Sambesi-River Rafting erzählen. Jüre, der durch den Whiskygenuss sehr müde geworden war, ging schon mal schlafen, doch Doris wollte unbedingt noch den Rest meiner Story erfahren, so dass ich noch ein oder zwei Gläser lang weiter erzählte.
  The day after

Im Bild: Dänu (ohne sein Mitsubishi L200)

08.01.97
Brige und ich hatten an diesem Morgen die gleiche glorreiche Idee: eine Dusche vor dem Frühstück zu nehmen. Allah strafte uns sofort mit erbärmlichem Frieren, denn kurz danach setzte ein kalter Wind ein, es regnete sogar leicht.

Wir sassen schon fast beim Frühstück, als auch Jüre das Licht des Tages erblickte. Es schien ihm nicht sonderlich gut zu gehen, der Aermste hatte all die Kopfschmerzen vom Whisky, den Doris und ich getrunken hatten. Zu allem Unglück hatte er auch noch böse Alpträume gehabt von Krokodilen mit Mäulern, in denen spielend zwei Hippos Platz fanden. Da sollte ich nun also auch noch schuld sein an seinem elenden Zustand - meine Sambesi-Story war ihm wohl nicht gut bekommen. Das hat man nun davon, wenn man als Landratte mal ins Wasser geht und davon erzählt!

Doris nahm sein Stöhnen sehr gelassen und erteilte ihm kurzerhand ein Whiskyverbot für den Rest der Reise, die Flasche sei sowieso für sie und für mich schon sehr knapp bemessen.

Nach dem Frühstück war Jüres Zustand zwar noch immer hoffnungslos, aber nicht mehr ernst, so dass wir zur langen Fahrt nach Port el Kantaoui aufbrechen konnten. Am nördlichen Stadtrand von Douz wurden Tanks und Reifen ordentlich gefüllt, dann gings los.

Die einstige Schotterpiste zwischen Kebili und Gafsa ist mittlerweile zu zwei Dritteln asphaltiert, am Rest wird wacker gearbeitet. Der Mittwoch scheint in Tunesien ein eigentlicher Markttag zu sein, ab Gafsa jedenfalls war wohl der halbe Nutzviehbestand Tunesiens unterwegs. Auf Peugeot- und Isuzu-Pick-Ups wurden in rauhen Mengen Ziegen, Schafe, Rinder und sogar Kamele transportiert.

In Sidi Ali Ben Aoun fand sich ein familientaugliches Restaurant, wo Doris ihre Raubtierchen füttern konnte und sogar Jüre feste Nahrung zu sich nahm.
  Wie im Schlaraffenland

Im Bild: Kari und Monika mit Opel Campo

Gegen Abend trafen wir in Port el Kantaoui ein. Ohne grosse Probleme fanden wir das Hotel "Diar el Andalous", welches zur Kette Abou Nawas gehört, die in Tunesien recht verbreitet ist. Jüre hatte die ganze Truppe hierhin eingeladen, auf seine Kosten einen genüsslichen Abend mit Uebernachtung zu verbringen. Auf dem Parkplatz trafen wir denn auch bereits etliche bekannte Gesichter, es wurden schnell einige Erlebnisse der verschiedenen Rückreisen berichtet.

Brigitte und Alain hatten sich ebenfalls eingefunden, die beiden machten einen wesentlich glücklicheren Eindruck, als beim Abschied in Bir Zar. Sie hatten sich in Djerba von den Strapazen erholt, so dass die Reise doch noch ein gutes Ende nahm.

Isidor hatte sich in Gabes in einer Werkstatt die gerissenen Chassislängsholme seines Nissans schweissen lassen. Die Reparatur war dermassen perfekt ausgeführt, dass nur ein geübtes Auge feststellen konnte, dass hier etwas nicht mehr ganz serienmässig war.

Das Hotel bot eine gediegene Ambience und auch die Küche liess nichts zu wünschen übrig. Natürlich war es kein Gourmet-Tempel, doch so was darf man an einem dermassen auf europäische Touristen ausgerichteten Ort auch nicht erwarten.

Nach dem Essen wurde noch Boukha (Feigenschnaps) oder Thibarine (Dattel-schnaps) genippt, die ganz mutigen taten sich auch an der Wasserpfeife (Chicha) gütlich.

09.01.97
Der heutige Tag war ein regelrechter Bummeltag, lag doch das Tagesziel keine hundert Kilometer entfernt. So nutzte Jüre die Zeit, um noch vorhandene Lücken und Leerräume in seinem Bus mit Körben und Teppichen zu stopfen. Manchmal fragte ich mich, ob sein Bus nicht ein Loch im Boden habe, es war fast unglaublich, was darin neben vier Kindern und Reisegepäck noch alles Platz fand.

Das Tagesziel war das Hotel Sun Beach Club in Hamam-Lif, wo wir auf Rüedu Rohner samt seiner Töff-Equipe treffen sollten. Diese war gerade mit Sortieren des Gepäcks beschäftigt, als wir auf dem Parkplatz eintrafen. Die Stimmung der Leute war eher gedämpft, die Libyen-Tour per Motorrad war nicht ganz nach Plan verlaufen. Wie jedes Jahr war auch diesmal wieder ein Unfall zu beklagen gewesen, ein Teilnehmer trug das Handgelenk im Gips, ein weiterer war sonstwie lädiert. Der südliche Rand der Hamadah al Hamrah wird auf zukünftigen Karten dereinst wohl als "Bikers End" bezeichnet werden.

Küre Müllers Partnerin Bea hinkte, später sollte sich der Grund der Schmerzen als Skorpionbiss herausstellen, der Bea eineinhalb Zehen kostete. Das Baden in den Seen der Mandara-Region ist also doch nicht so harmlos.

Das Hotel selber hinterliess einen ähnlich heruntergekommenen Eindruck wie das Amilcar in Sidi Bou Said, nur dass es für die Fahrt zum Hafen nicht so günstig gelegen war.
  Alles hat ein Ende...

Im Bild: Tom und Andrea mit Landrover Defender 110

10.01.97
Nach dem Frühstück hatten wir uns durch den morgendlichen Stossverkehr Richtung Tunis zu kämpfen. Trotz teils halsbrecherischer Fahrweise der Einheimischen gelang dieses Manöver unfallfrei, so dass wir schweissgebadet am Hafen zum Einschiffen eintrafen.

Das Einschiffen war wie üblich eine kleine Geduldsprobe, doch in Tunis geht dieses Manöver meinem Gefühl nach leichter als in Genua vonstatten. Die Zollbeamten haben ihr Business recht gut im Griff und sorgen bei allem Chaos und aller Hektik für einen geordneten und speditiven Ablauf der Prozedur.

Auf dem Schiff wurden erst die Zimmerschlüssel verteilt, dann zog es nicht nur mich schnurstracks zur Bar, um mit einem Bier in der Hand dem Einschiffprozedere ein wenig von oben herab zuzusehen.

Als das Schiff auslief, war auf der Ostseite stahlblauer Himmel zu sehen, derweil auf der westlichen Seite rabenschwarze Wolken aufzogen. Kurz darauf setzte ein fährentypisches Geschaukel ein, so dass ich die Zeit des Abendessens liegend in der Koje verbringen musste. Zwei Stunden später war der Spuk vorbei, so dass ich wenigstens noch ein letztes Bier an der Bar genehmigen konnte. Dort wurde ich denn auch von Remo mit den Worten :"Drei Stunden war der Ürsel krank, jetzt trinkt er wieder, Gott sei Dank!" begrüsst.
  Die ultimative Räubergeschichte

Im Bild: Familie Sollberger (ohne männlichen Nachwuchs) mit Mitsubishi L300 4x4

11.01.97
In Genua verliessen wir die Habib ca. um halb zwei, darauf fuhren wir ohne grosses Tamtam in nördlicher Richtung davon. Auf der ersten Raststätte wurde der Hunger gestillt, worauf die Heimfahrt unter die Räder genommen wurde.

Reibungslos passierten wir den Zoll in Chiasso. Diejenigen, die mit uns gefahren waren, assen in Bellinzona noch gemeinsam ein Abendessen mit uns. Darauf raste Jüre los, denn zuhause warteten bereits Besucher aus Berlin auf ihn! Brige und ich hatten es nicht so eilig, also fuhren wir in angenehmem Reisetempo nach Hause.

Keine 30 km vor unserem Ziel geschah dann das Unglaubliche: der seit dem Verlust eines Flügels wieder recht gut hörbare Ventilator verstummte schlagartig, so dass ich sofort auf einen gerissenen Keilriemen tippte. Da wir uns unmittelbar bei der Raststätte Deitingen Nord befanden, brauchte ich bloss den Blinker zu stellen und auf den Rastplatz zu fahren. Beim Rollen auf den Parkplatz fiel mir noch auf, dass die Ladekontrollampe seltsamerweise nicht aufleuchtete.

Kaum ausgestiegen, fiel Brige ein starker Rauch auf, der sich bei genauerem Riechen als Wasserdampf entpuppte. Ein Blick unter die Motorhaube brachte Unglaubliches zu Tage: die Wasserpumpe war auseinandergebrochen! Offenbar hatten die vom fehlenden Flügel des Ventilators verursachten Vibrationen durch die stundenlange Autobahnfahrt das Gehäuse zum Reissen gebracht. So verbrachten wir die letzten 25 km am Abschleppseil eines Touring-Hilfe Opels, der trotz 2,5-Liter V6-Motor an den Steigungen schwer zu schuften hatte. Derweil schuftete ich im Gefälle am Bremspedal (2,5 Tonnen ohne Servounterstützung!), so dass ich trotz fehlender Heizung nicht frieren musste.

Allen widrigen Umständen zum Trotz genehmigten Brige und ich uns in Büren an der "Bauleuten-Bar" noch ein Bier was Briges Mutter Annarös mit Entsetzen zur Kenntnis nahm: "Seit wann trinkt DIE denn Bier?"
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